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Ein Tag im Leben eines Fernwanderers Veröffentlicht am 12.11.2017

Es ist April. Draussen ist es gruslig. Unangenehm. Ein kalter Wind weht. Regelmässig zieht ein Regenschauer vorbei. Die Sonne hat nur am frühen Morgen kurz zwischen den Wolken geblinzelt und ist seither verschwunden. So wie das mit dem Wetter eben so ist im April.

Ich sitze gemütlich im Sessel. Im Kamin lodert ein wärmendes Feuer. Und ich bin froh, dass meine Fernwanderung von Budapest nach Eisenach auf dem “Internationalen Bergwanderweg der Freundschaft” erst am 1. Mai startet. Die Hoffnung, dass dann die Sonne die Überhand über das nasskalte Wetter gewonnen hat, sitzt ebenso mit im Sessel.

Da ich noch nicht unterwegs bin, stelle ich mir vor, wie meine Wandertage aussehen könnten. Wie es so sein wird, unterwegs. Wie ich zurechtkommen werde. Was mich erwartet. Ob alles so klappt, wie ich es mir wünsche.

Interessanterweise denke ich gar nicht an die körperliche Anstrengung, die mich unterwegs erwartet. Ich mache mir auch keinen Kopf darüber, wie das mit Verpflegung und Unterkunft überhaupt werden wird. “Das wird schon alles irgendwie klappen”, schiesst es mir durch den Kopf. Immerhin wandere ich in Europa und nicht in Amerikas Wildnis.

Ich habe auf eine detaillierte Planung verzichtet. Habe mir lediglich die sechs kleinen Wanderführer über meine Fernwanderung im Vorfeld besorgt. Nicht mehr. Nicht weniger. 

Das Einzige, worüber ich mir etwas den Kopf zerbreche, ist, ob es mir nicht mühsam erscheinen wird, jeden Tag den Rucksack aus- und wieder einzupacken. Das erscheint, im Nachhinein, naiv oder auch etwas weltfremd.

Das umso mehr, als das es gerade die täglich wiederkehrenden Routinen sein werden, die den einzelnen Wandertagen etwas Verlässliches geben.

Im April im Sessel sitzend erscheint mir dieser Gedanke völlig grotesk.

Da weiss ich auch noch nicht, dass es gerade das Gewohnheitsmässige ist, dass an all den unsteten Tagen in immer neuen Umgebungen mit wechselnden Erlebnissen das Funktionieren sicher stellt.

So unterschiedlich die einzelnen Tage zwischen Budapest und Eisenach auch sind, sie haben doch auch alle etwas gemeinsam.

Ein Tag im Leben eines Fernwanderers. Ankommen, Funktionieren, Schlafen, Wandern.

Doch wie sieht so ein Tag im Leben eines Fernwanderers eigentlich aus?

“Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.” 

Das sagte der legendäre Fussballtrainer Sepp Herberger (1897 – 1977) einst.

Auf meiner Fernwanderung gilt das ebenso für jeden einzelnen Wandertag.

Nach der Wanderung ist vor der Wanderung.

Denn die nächste Etappe beginnt nicht am frühen Morgen, sondern mit den letzten Schritten am Tag vorher.

Ein Tag im Leben eines Fernwanderers: 

Ankommen

Es ist (meist) Nachmittag. Ich habe meinen Zielort erreicht. Die letzten Schritte zum Quartier des Tages sind auf den längeren Etappen auch die anstrengendsten. Der Kopf ist schon auf Ankommen eingestellt. Das entsprechende Signal kommt unverändert bei den Füssen an, denen jeder neue Schritt nun besonders schwer fällt.

Doch auch das Ankommen ist eine Aufgabe für sich. Die richtige Strasse und das richtige Haus zu finden, ist mit Google Maps keine grosse Schwierigkeit mehr. Wenn mich das GPS doch falsch ortet, kann ich immer noch nachfragen. Die Sprachbarriere trägt zur neben meiner Erschöpfung zur Situationskomik bei, doch ich schaffe es noch immer dort anzukommen, wo ich gebucht habe und erwartet werde.

Klingeln, begrüssen, willkommen geheissen werden. Meist reicht zum Vorstellen mein Vorname, Jana, und das Medium, über das ich gebucht habe. Szallas (für Ungarn), AirBnB, Booking.com, CouchSurfing, Telefon oder eMail. Dann noch abstimmen, wann es Abendessen und Frühstück gibt. Und den WIFI – Code erfragen. Ganz wichtig. Alles Wesentliche ist für den Moment geregelt.

Dann geht’s ins Zimmer. Und das kann noch einmal wehtun. Dann nämlich, wenn es zu meinem Zimmer eine Treppe hinauf geht. Meist sind meine Gastgeber schon oben angekommen und schauen dann verdutzt nach unten, wo ich denn bleibe. Und ich schaue geschafft nach oben und frage mich jedes Mal wieder, warum man die Treppe nicht auch langsamer hinaufgehen kann.

Und jetzt: Ausruhen. Erholen. Einrichten.

Schuhe und Socken ausziehen. Aufs Bett fallen lassen. Ausstrecken. Duschen. Waschen – mich selbst oder meine Klamotten oder Beides. Die Reihenfolge variiert mit Etappenlänge und Kaputtsein. Meist eine Stunde lang, manchmal auch etwas länger, hin und wieder auch kürzer.

Das Schlimmste?

Nach dem Chillen aufstehen. Jeden Tag wieder lerne ich, was es heisst, wenn die Füsse so richtig schmerzen.

Autsch.

Dieser erste Moment, wenn ich wieder aufgerichtet auf meinen Füssen stehe, geht durch Mark und Bein. Es ist immer wieder schön, wenn der Schmerz nach lässt. Ein Segen sind meine Crocs mit ergonomischem Fussbett. Eine Wohlfühloase für jeden gepeinigten Wanderfuss.

Funktionieren

Nach dem Ankommen ist vor dem Funktionieren.

Funktionieren heisst einkaufen, essen, planen.

In allen Dörfern in Ungarn, in der Slowakei, in Polen und auch in Tschechien gibt es einen Dorfladen. Klein, aber fein. Was es hier nicht gibt, brauchen die Menschen nicht. So in der Art muss wohl die Entscheidung über die Produktauswahl gefallen sein. So macht es mir Spass, einzukaufen. Die Öffnungszeiten dieser Läden haben auch einen dörflichen Charakter. Sie öffnen meist sehr früh, 6.30 Uhr oder 7 Uhr, machen eine kurze Mittagspause und schliessen dann mal früher (Ungarn, 16 Uhr) oder später (Polen, 21 Uhr).

Wanderer haben einen riesigen Hunger. Jeden Tag, immer wieder.

Das Essen am Abend ist ein echter Höhepunkt, auf den ich mich den gesamten Tag über freue. Koche ich selbst, gibt es nahezu immer Pasta mit Tomaten und der gleichnamigen Sauce. Und Eier zum Frühstück. Gehe ich essen, labe ich mich an den kulinarischen Besonderheiten der jeweiligen Gegend. Ungarische Obstsuppe, Piroggen, Böhmische Knödel, vogtländische Schladeregucks.

Eine Fernwanderung durch fünf Länder ist immer auch eine Reise. Im Spannungsfeld zwischen Neugierde und Müdigkeit befinde ich mich oft. Habe ich noch Kraft, Musse und Lust, mir das Dorf oder die Stadt, in der ich nächtige, bei einem Spaziergang anzuschauen? Ich schaffe es nicht immer, mich aufzuraffen. Oft denke ich darüber nach, ob das so richtig ist. Dann treffe ich die Entscheidung, dass ich auf einer Fernwanderung eben nun mal nicht alle Sehenswürdigkeiten am Wegesrand anschauen kann.

Lieber eins richtig machen als zwei verschiedene Dinge nur halbwegs.

Wieder im Zimmer schalte ich meinen Laptop ein. Schaue meine Fotos des Tages an, schreibe meinen Tagesbericht, veröffentliche eine Zusammenfassung auf meinen sozialen Kanälen. Bereite die nächste Etappe vor: nachlesen im Wanderführer, anschauen der Wegführung, Planung der Unterkünfte, Wetterbericht konsultieren.

Was hier in ein paar Worten beschrieben ist, ist in Tat und Wahrheit Arbeit.

Es braucht Energie, Konzentration und Selbstdisziplin.

Es fällt mir mit jedem neuen Wandertag leichter. Auch, weil es der Teil des Tages ist, der nahezu immer die gleiche Routine bietet. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Der Wanderer auch. Schnell habe ich mir meinen Ablauf zurecht gelegt, den ich bald nicht mehr missen möchte. Das Funktionieren stellt bald Vertrautes dar, das genauso zum Gelingen des Tages dazugehört wie der tägliche Aufbruch ins Ungewisse.

Schlafen

Bevor ich müde und glücklich in einen tiefen Schlaf falle, lese ich eBooks. Unterhalte mich mit anderen Gästen oder meinen Gastgebern, sofern wir eine gemeinsame Sprache finden. Bestimmt ein Dutzend Mal bekomme ich dabei selbstgebrannten Schnaps angeboten … Schnaps ist international. Genauso wie ein Lächeln.

Und wenn ich nicht mit Bettwanzen kämpfen muss, schlafe ich einen erholsamen Schlaf.

Wandern

Ausgeruht aufwachen ist eine Wonne. Ein gutes Frühstück auch. Der Rucksack ist schnell wieder gepackt, alles hat darin seinen angestammten Platz. Eine Stunde später fahre ich meinen Wanderstock aus und stiefele los.

Das ist die eigentliche Aufgabe. Wandern. Jeden Tag. Kilometer für Kilometer. Schritt für Schritt.

Immer weiter.

Jeden Tag wieder durchlaufe ich dabei verschiedene Gefühlsregungen. Positive wie negativ besetzte. Sie alle gehören dazu. Genauso wie das Wandern durch die Natur. Durch Landschafts- und Kulturräume, Dörfer, Städte und Länder. Wie auch die Begegnungen mit den Menschen unterwegs und bei meiner Ankunft nach den Wanderkilometern des Tages.

Weitwandern: 8 Lektionen von unterwegs

Und dann beginnt wieder der Rhythmus eines neuen Fernwandertages.

Ankommen, Funktionieren, Schlafen, Wandern.

138 Mal zwischen Budapest und Eisenach.

Christine Thürmer, die erfahrene Weitwanderin, schreibt in ihrem gleichnamigen Buch von “Laufen. Essen. Schlafen”. Auch das ist ein Rhythmus. Auch er basiert auf der täglichen Gewohnheit, die sich im Laufe einer Fernwanderung etabliert.

Einer Gewohnheit, die dem Fernwandern einen Rahmen gibt. Die sicherstellt, dass die lebensnotwendigen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen. Die das Funktionieren sicherstellt, damit das Wunderbare, Geheimnisvolle, Spannende, Abwechslungsreiche und Besondere einer Fernwanderung den Raum bekommt, den es braucht.

Ankommen, Funktionieren, Schlafen, Wandern.

Das Grundgerüst für jeden Tag, an dem ein Fernwanderer auf den Wanderwegen dieser Welt unterwegs ist. 

Damit man es mit allen Sinnen erleben und geniessen kann. Um angereichert mit einer gesunden Portion natürlicher Neugier und Intuition ein nachhaltige Erfahrung zu machen.

Die man immer in Erinnerung behält.

Die Gewohnheiten geben dem besonderen Erlebnis seinen Raum

Mittlerweile ist es November geworden. Wieder sitze ich im Sessel. Sonne fand heute noch gar nicht statt. Temperaturen um den Gefrierpunkt lassen es nur schwer vorstellbar erscheinen, überhaupt an der frischen Luft sein zu wollen. Der erste Schnee im neuen baldigen Winter soll fallen.

Ich denke zurück an meine Fernwanderung. Und dieses Mal stelle ich fest, dass ich ab und zu an die körperlichen Anstrengungen unterwegs zurückdenke. An die Momente, wo mit das Weitergehen auch einmal richtig schwer gefallen ist. Natürlich auch an die intensiven Mussemomente unterwegs. An die vielen kleinen spannenden Erlebnisse unterwegs.

Und ich freue mich, dass alles so gut geklappt hat. Und, dass ich einen Rhythmus gefunden habe, der bald zur lieb gewonnenen Gewohnheit geworden ist. Über die ich mir vorher gar keine Sorgen hätte machen müssen.

Fernwandern ist ein Abenteuer. Eines, dass sich vergleichsweise gut meistern lässt. Genauso gut, wie immer einen Fuss vor den anderen zu setzen.

Tag für Tag.

Kilometer für Kilometer.

Schritt für Schritt.

An jedem Tag im Leben eines Fernwanderers. 

„Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel.“ (Marie von Ebner-Eschenbach, österreichische Schriftstellerin, 1830 – 1916)

Du möchtest noch mehr wissen zu meinem Fernwanderweg Budapest – Eisenach? Dann hier entlang

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* Beitragsbild von Yatharth Vibhakar auf Unsplash 

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