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Andrea und Dani von “WildOut” im Interview: Warum sie gerne mit einem Wolf spazieren gehen würden Veröffentlicht am 08.06.2017

“Weil ein bisschen verwildern gut tut.”

Das ist das schöne Leitmotiv von Andrea Kippe und Daniel Fleuti, die ihre Gäste mit “WildOut Naturerlebnisse” tief in Natur und Wildnis entführen. Ich kenne die Beiden von gemeinsamen Schneeschuhtouren, unter anderem auch für den WWF Ostschweiz. Ich lasse mich mich immer wieder gerne von ihrem Blick für die kleinen und grossen Schönheiten der Natur in ihren Bann ziehen. Sie sehen die besonderen Details, die auch mir sonst verborgen bleiben könnten. Die Schneehöhlen der Birkhühner oder die Hasenspuren abseits des Weges, zum Beispiel.

Ihre Liebe zur Natur ist bei der Gestaltung und Durchführung ihrer Touren jederzeit spürbar. Wer viel Neues und Anderes in und über die Wildnis erfahren oder auf Pfaden und Touren unterwegs sein möchte, die wenig begangen sind – wenig spektakulär auf den ersten Blick, dafür umso intensiver auf den zweiten Blick – der sollte mit Andrea und Dani durch die Natur, die Wälder und die Berge der Schweiz streifen.

Im Interview mit Andrea und Dani erfährst du, …

 … die besten Wandertipps in der Ostschweiz und im Val Müstair,
 … was uns ein Aufenthalt in der Natur lehren kann,
 … was es für solch erfahrene Wanderer für den idealen Wandertag braucht.

WildOut im Interview: Ein Spaziergang mit einem Wolf

Dani und Andrea bieten bei “WildOut Naturerlebnisse” ein- und mehrtägige Wanderungen im Sommer und Schneeschuhtouren im Winter an. In der Wildnisschule kannst du Besonderes über Pflanzen und Tiere kennenlernen und wieder mal richtig verwildern. Gerade schreiben sie an einem Wanderführer über das wunderschöne Val Müstair in der Nähe des Schweizer Nationalparks, das bald erscheinen wird.

1. Ihr wandert sehr gerne, in den Bergen und in der Natur. Seid Ihr auch sonst zuFüssler und viel zu Fuss unterwegs – im Alltag oder auf Reisen?

Auf jeden Fall! Die Füsse sind unser liebstes und wichtigstes Fortbewegungsmittel. Wir sind jeden Tag draussen, im Wald, auf dem Feld, im Dorf oder in der Stadt. Und da wir kein Auto besitzen, tragen uns unsere Füsse zumindest bis zur nächsten Bushaltestelle.

Letztlich ist das Gehen für uns auch lebensnotwendig: Ein Teil unserer Arbeit findet im heimischen Büro am Computer statt, da ist es essentiell, auch mal den Kopf zu verlüften und mit einer kleinen oder grossen Runde in der Natur für Abwechslung zu sorgen im Alltag.

2. Mit “WildOut” wollt Ihr Eure Mitmenschen dazu ermuntern, wieder etwas mehr zu “verwildern”. Was kann uns die Wildnis oder ein Aufenthalt in unberührter Natur geben? Was können wir lernen?

Je moderner und hektischer die Welt und je durchstrukturierter unser Alltag, desto mehr verlieren wir den Kontakt zur Natur, dem Ursprung allen Lebens. Der Mensch ist Teil der Natur, er gehört zu ihr und lebt in natürlichen, harmonischen Prozessen.

Durch den direkten Kontakt zur Natur, der mal sanft und mal wild ausfallen kann, kommen wir zurück zu unseren Wurzeln. Wir erfahren wieder, wie Wald riecht, wir entdecken ein Reh oder einen Fuchs, wir sind mit natürlichen Kreisläufen und Begebenheiten konfrontiert und vor allem müssen wir draussen sehr rasch lernen, uns der Natur und ihren Bedingungen zu fügen und sie anzunehmen.

Das alles tut nicht nur enorm gut, sondern erdet uns Menschen und macht uns verstehen, dass wir letztlich ein Teil sind der Natur und achtsam mit ihr umgehen müssen. Sie ist unser Leben.

3. Ihr seid im Sommer beim Wandern unterwegs und auch im Winter mit Schneeschuhen. Was bietet eine Wanderung im Sommer, was der Winter nicht hat – und umgekehrt? Wandert Ihr lieber im Sommer oder im Winter?

Schwierige Frage. Sowohl der Sommer wie der Winter haben viel Schönes und Faszinierendes.

Im Winter sieht man viele Spuren von Tieren im Schnee, die Landschaft ist ruhiger, das Leben schreitet gemächlicher vor sich. Mit Schneeschuhen durch den tiefen Schnee zu stapfen hat etwas zauberhaftes an sich – vorausgesetzt, der Schnee ist nicht bleischwer. Zudem fliegt man auf Schneeschuhen Hänge praktisch im Direktflug hinunter, was riesig Spass macht.

Im Sommer kann man nicht auf so unbeschwerte, leichtfüssige Art absteigen. Schön am Frühling, Sommer und Herbst sind die verschiedenen Farben: Im Frühling das erste Grün, im Sommer die vielen bunten Blumen, im Herbst die goldgelben Wälder. Auch die Wärme im Frühling und Herbst ist toll, etwas, das man im Winter vermisst. Man kann auf einen Stein sitzen, gemütlich Picknick halten und sich von der Sonne wärmen lassen.

Im Winter fallen die Pausen indes kurz aus. Der Sommer bringt viel Wärme, für unseren Geschmack in den letzten Jahren manchmal zu viel. Au ja, was auch noch praktisch ist ausserhalb des Winters: Man muss sich nicht mehr um die Lawinenthematik kümmern und die Lawinenausrüstung schleppen. Das ist immer ein komisches Gefühl, wenn im Frühling der Rucksack plötzlich so leicht ist.

4. Wenn Ihr es komplett selber kreieren dürftet: Wie sieht dann Euer idealer Aufenthalt in der Natur oder bei einer Wanderung aus?

Also erst einmal würden wir die perfekte Saison und das dazu passende Wetter bestellen: Herbst bei angenehmen Temperaturen, mit ein bisschen Nebel am Morgen, umwerfender Fernsicht am Mittag und wärmender Sonne am Nachmittag. Gerne machen wir Zwei- oder Mehrtagestouren, so hat man länger Zeit, um in die Bergwelt abzutauchen.

Die Natur müsste möglichst wenig berührt und genutzt sein und die Route müsste die verschiedenen Landschaftselemente abdecken, die wir mögen: urige Wälder, wilde Bäche, malerische Bergseen, enge Täler, aussichtsreiche Pässe und vielleicht noch einen Gipfel dazu. Letzterer ist allerdings nicht zwingend nötig, ein Pass ist stets ein grösseres Erlebnis, da nach dem Übergang eine neue Landschaftskammer folgt.

Lieben tun wir auch einsame Wanderungen, auf denen man nicht allzu vielen anderen Leuten begegnet. Und wenn es schon unsere perfekte Tour sein darf, dann bräuchten wir auch keine Mutterkuhherde zu queren oder Biker, die uns überholen.

Sollte die perfekte Wanderung zwei oder mehr Tage dauern, ja dann wäre es auch schön, für die Übernachtung in der Hütte oder der Pension genügend Platz und ein gutes Bett zu haben. Und am Morgen beizeiten ein gutes Frühstück, dann ist der Tag schon fast perfekt.

5. Ihr seid vorwiegend in der Ostschweiz und im Val Müstair unterwegs. Wo muss man unbedingt mal zu Fuss unterwegs gewesen sein?

Oh, da gibt es ganz viele Orte. Es kommt auch darauf an, wie gut man zu Fuss unterwegs ist.

Tragen die beiden Füsse sicher, ist in der Ostschweiz eine Wanderung auf den Säntis ein Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst. Von Brülisau zum Fälensee, dann über den Altmannsattel zum Rotsteinpass. Wer dann noch keine weichen Knie hat ob der schmalen und steilen Wege, der bekommst sie bestimmt am nächsten Tag, wenn es über den Lisengrat auf den Säntis geht und dann die Himmelsleiter wieder runter. Die Tour ist lang, ein klassischer Zweitäger. Aber wunderschön.

Nicht minder wild, aber um einiges einsamer ist die Wanderung auf den Nüenalpspitz über den Windenpass. An Wildheit kaum zu überbieten, erfordert er aber sicheren Tritt und Schwindelfreiheit. Sonst ist nichts mit Genuss. Speziell ist der Gipfel: Er ist so schmal, dass kaum zehn Leute Platz finden oben. Wen es in der Ostschweiz eher an den grossen See zieht, den Bodensee, dem sei der Güttinger Wald mit seinen alten, mächtigen Eichen empfohlen. Ein Traum von Wald. Im Winter wiederum mögen wir die Schneeschuhtour auf den Tanzboden. Die Natur ist wundervoll, findet man die richtigen Routen, ist es auch nicht so überlaufen, und das Fondue im gemütlichen Bergbeizli schmeckt immer gut.

Das Val Müstair ist von anderem Schlag. Die südöstlichste Ecke der Schweiz punktet mit hohen Bergen, unverfälschter Berglandschaft, urtümlichen Dörfern und viel Einsamkeit. Ein richtiges Bergtal halt, ohne Städte, Autobahnen und vor allem auch ohne Wasserkraft und Hochspannungsleitung. So ist auch der Talbach, der Rom, nicht der Stromerzeugung geopfert worden. Frei und ungestüm fliesst er von Tschierv nach Müstair, ein Themenwanderweg begleitet ihn auf seiner Reise. Ihn muss man unbedingt gemacht haben, ganz oder zumindest in Abschnitten. Das Leben und die Naturfülle rund um den Rom ist einzigartig. Er ist denn auch der letzte Haupttalfluss der Schweiz, der nicht zur Stromerzeugung genutzt ist.

Ja, dann gibt es viele weitere Touren: Im Tamangur sollte man gewesen sein, dem höchsten zusammenhängenden Arvenwald Europas mit bis zu 800 Jahre alten Baumriesen. Wer mal auf dem Piz Daint gestanden ist weiss, was ein Berg ist, der von Bergstürzen geprägt ist. Und wer den Piz Chavalatsch erklommen hat, der darf sich einer guten Kondition rühmen. 1500 Höhenmeter hoch und gleich viel wieder runter, 8 Stunden Wanderzeit.

Uns steht er noch bevor, sind wir doch daran, zum Val Müstair ein Wanderbuch zu erstellen. Erscheinen wird es im Frühling 2018 im Rotpunktverlag. Auf www.wanderbuch-val-müstair.ch gibt es alle Infos dazu.

6. Welches Erlebnis zu Fuss unterwegs, egal ob ein schönes oder nicht so schönes, bleibt Euch besonders in Erinnerung? Warum?

Da müssen wir nicht lange überlegen: Wir sind auf Korsika in ein Gewitter geraten, und zwar in ein heftiges. Wir sassen über eine Stunde fest in der Spelunca-Schlucht, und um uns herum schlugen die Blitze ein. Einmal sahen wir etwa 100 Meter neben uns einen Blitz in den Boden sausen, der Knall dazu waren ohrenbetäubend.

Das Problem war: Das Gewitter war nahezu ortsfest, zog also nicht weiter. Vom Meer her wurde die Gewitterzelle aufgehalten, von den Bergen drückten die Luftmassen. Über der Schlucht entlud sich das Ganze.

Der Schreck sitzt uns noch heute in den Knochen, und wenn Gewitterwolken aufziehen, dann schauen wir, so rasch wie möglich an einen sicheren Ort zu kommen.

7. Welche besonderen Entdeckungen macht ihr zu Fuss unterwegs?

Wir entdecken die Landschaft immer wieder von Neuem.

Kleine Dinge, grosse Dinge, schräge Dinge, gewohnte Dinge – auf jeder Tour gibt es so viel zu sehen, und jedes Ding ist etwas Besonderes.

Schön ist jedes Mal die Erfahrung, wie reich die Natur um uns herum ist, egal wohin uns die Tour führt. So haben wir über all die Jahre gelernt zu beobachten, neugierig zu sein, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.

Wer gut hinguckt, sieht plötzlich mehr und noch mehr. Das ist faszinierend. Dafür muss man sich allerdings Zeit nehmen, und da hapert es manchmal.

Ist die Tour lang und nimmt man sich zu viel Zeit, kommt man in Bedrängnis. So brechen wir gerne auch mal zu einer kürzeren Tour auf und nehmen uns unterwegs ganz viel Zeit. Gut möglich, dass sich dann die Wanderzeit verdoppelt oder noch mehr ausdehnt.

Dafür kommen wir am Abend satt und reich erfüllt nach Hause. Und mit einer Menge schöner Fotos in der Kamera.

8. Wenn ihr länger unterwegs seid, was darf auf keinen Fall fehlen?

Eigentlich haben wir immer dieselbe Ausrüstung dabei, ob kurze oder lange Tour.

Einziger Unterschied von Tages- zu Mehrtagestour ist: ein paar Kleider mehr kommen mit und die Zahnbürste und Zahnpasta. Ansonsten ist die Ausrüstung immer etwa gleich: Karten, Kompass, Höhenmesser, Regen- und Sonnenschutz, warmer Pullover, allenfalls Mütze und Handschuhe, gute Wanderhose und die festen Wanderschuhe. Au ja, die müssen richtig schwer sein, zumindest bei Dani.

Dieses leichte, moderne Zeugs geht gar nicht. Was hingegen nur auf längere Touren mitkommt sind Waschmittel, eine Waschleine und Wäscheklammern. So spart man sich einige Kilogramm Gewicht, da man unterwegs waschen kann. Das ist aber auch die einzige Extrawurst, die wir uns leisten auf langen Touren. So bleibt das Gepäck leicht.

Wir waren vor ein paar Jahren zwei Wochen auf der Hardangervidda in Norwegen trekken und hatten pro Person etwa 9 Kilogramm Gewicht am Rücken. Da haben einige nicht schlecht gestaunt, die 15 und mehr Kilos trugen.

Heute wären es bei Dani aber auch mehr, da er angefangen hat zu fotografieren. Die Spiegelreflexkamera und ein paar Objektive müssen einfach mit, wenn es geht auch das Stativ.

9. Mit wem würdet ihr gerne mal ein Stück spazieren gehen oder eine Wanderung machen?

Mit dem Wolf.

Wir würden uns von ihm sein Revier zeigen lassen und mit ihm durch die Nacht streifen. Der Wolf ist ein faszinierendes Tier, wild, erhaben, sozial und schlau. Er bringt uns ein Stück Natur zurück, zu dem wir längst den Kontakt verloren haben.

Schade ist einfach, dass auf seinem Rücken so viele Probleme und Auseinandersetzungen ausgetragen werden, die mit ihm nichts zu tun haben, sondern mit dem Zusammenleben der Menschen in diesem Land und ihrem Verhältnis zur Natur.

Vom Wolf könnten wir viel lernen, auch wenn wir nur ein Stück weit mit ihm gehen würden.

10. “Gehen ist des Menschen beste Medizin.” (Hippokrates) Weil …?

… ihn das Gehen entschleunigt und zurück bringt zur Natur und zu seinen Wurzeln. Jede andere Art der Fortbewegung ist zu schnell.

Übrigens: Die berühmten 10’000 Schritte pro Tag, die man für ein gesundes Leben tun sollte, gehen auf die Steinzeitmenschen zurück. Sie legten fürs Jagen und Sammeln pro Woche etwa 35 Kilometer zurück, was ziemlich genau den 10’000 Schritten entspricht. Und sie gehörten zu den gesündesten und fittesten Menschen, die je gelebt haben.

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