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Von unerwarteten Begegnungen am Baikalsee Veröffentlicht am 18.10.2016

Schwelgst du oft in Erinnerungen an deine Reisen?

Erwachen dabei auch die besonderen, meist ungeplanten und unerwarteten, Begegnungen von unterwegs wieder zum Leben? Die Begegnungen, die voller menschlicher Wärme und Hilfsbereitschaft waren?

Erwischst du dich dann auch dabei, dass dabei oft ein Lächeln dein Gesicht umspielt? Sich eine tiefe Freude in dir breit macht?

Die Auslöser für diese Rückblicke können verschieden sein. Mal sind es Fotos, die als Hintergrund auf meinem Laptop angezeigt werden. Mal ist es das berühmte “Weisst du noch?” im Gespräch. Oft sind es auch die Gedanken, die frei beim Wandern umherschwirren, und diese einprägenden Momente zurückbringen. Dieses Mal ist es Annas Blogparade “Meine besondere Begegnung auf Reisen” auf “Die Gradwanderung”, die mich auch diese Zeilen schreiben lässt.

Sofort, als ich Annas Artikel lese, kommen mir viele Bilder und Gedanken in Erinnerung. So viele, dass ich fast ein Medley davon bilden kann. Da waren …

… die nette Grossfamilie im mongolischen Arkhangai, die uns gestrandete Trekkingtouristen spontan mit in die nächste Stadt Tsetserleg genommen hat. Nie vergessen werde ich, wie ich diese Fahrt über Stock und Stein im Heck eines Van auf dem frisch abgefüllten Blut eines gerade geschlachteten Schafes hinter mich gebracht habe.

… der junge ungestüme kirgisische Sportwagenfahrer, den wir als Autostopper angehalten haben, um zum Issyk-Kul-See zu gelangen. Am Ende der rasenden Fahrt mit grenzwertigen Überholmanövern, glücklich und gesund am See angekommen, luden wir ihn zum gemeinsame Fischessen am Strand ein.

die hilfsbereite und aufgeschlossene bulgarische Verkäuferin eines Konsums in Mezzek, die uns trotz Öffnungszeit ihres Ladens das versteckt liegende Weingut des Ortes zeigte und uns mit den Weinbauern bekannt machte – obwohl wiederum das Weingut gerade geschlossen hatte. Wir bekamen trotzdem unsere kleine Privatverkostung.

Und da war diese eine besondere Begegnung mit russischen Rangern im fernen Sibirien am Baikalsee, an die ich oft und gerne zurückdenke.

Vier Tage schon sind wir auf dem Frolikha Adventure Coastline Track unterwegs. Es ist Juni, der sibirische Sommer kündigt sich langsam an. Die Tage sind bereits angenehm warm, doch in der Nacht wird es noch immer bitter kalt mit Temperaturen um den Gefrierpunkt. Auf dem Baikalsee schwimmen noch Eisschollen, auf denen wir in der Ferne hin und wieder Baikalrobben entdecken können.

Den See immer vor der Brust und den dichten Wald der Taiga im Rücken wandern wir an der Küste entlang. Mal weglos, mal auf sanften Waldpfaden. Über Stock und Stein. Kleine Steine, grosse Steine, runde Steine, spitze Steine. Sogar unser Zelt schlagen wir auf Steinen auf.

Wandern am Baikalsee im Juni - Eisschollen auf dem See

Wegloses Wandern am Baikalsee

Zelten auf Steinen am Baikalsee

Wir wissen, dass uns heute eine Flussüberquerung erwartet. Einer der Zuflüsse zum See muss überwunden werden. Es gibt keine andere Möglichkeit. Allerdings gibt es keine Brücke. Wir wissen um das bevorstehende Abenteuer, gerade jetzt zu Zeiten der Schneeschmelze in den Bergen. Am Fluss tiefer in die Taiga hineinzuwandern, in der Hoffnung auf einen flacheren, schmaleren und weniger reissenden Übergang, ist ebensowenig eine Option. Die Berge sind nicht weit. Und, es gibt Braunbären hier, sehr viele sogar. Ich bin hin- und hergerissen ob des Gedankens an die Bären. Einerseits möchte ich einmal gerne einem in freier Wildbahn begegnen, andererseits habe ich auch gehörigen Respekt vor einer möglichen unerwarteten Begegnung.

Fluss und Bär. Zwei Herausforderungen. Wir ahnen noch nicht, wie uns Beides bald begegnen wird.

Es ist Mittagszeit. Seit einigen Stunden sind wir schon wieder unterwegs. Der Gedanke an eine Mittagspause lässt uns gerade gemeinsam beratschlagen, als ein kleines, motorisiertes Schlauchboot auf uns zukommt.

Es ist Ranger Michail, der uns von weitem hat kommen sehen. Der Fluss führe sehr viel Wasser und sei nur sehr schwierig zu queren im Moment, deshalb bietet er an, uns ein Stück mit dem Boot mitzunehmen. Wir schauen uns kurz an, spüren Einigkeit und hüpfen freudestrahlend ins Boot.

Wir kommen an der Rangerstation an, wo uns ein zweiter Ranger, ebenfalls mit Namen Michail, begrüsst. Ob wir hungrig seien? Sie wollten gerade etwas zum Mittag essen. Dieses Mal müssen wir uns nicht erst anschauen und nehmen die Einladung sofort übereinstimmend an. Welch’ ehrliche und spontane Gastfreundschaft!

Michail und Michail tischen auf. Frischen Omul aus dem See, Kartoffeln, Zwiebeln, …. Wir holen Brot und Butter aus unseren Rucksäcken. Wir laben uns an den Köstlichkeiten. Ein Anstossen mit Wodka darf natürlich nicht fehlen. Im Gespräch erfahren wir, dass sie gerade eine stabile Schutzhütte für die Wanderer errichten, “damit noch mehr Leute kommen und diese schöne Gegend kennenlernen”. Auf die Frage nach der Einsamkeit hier draussen, antworten sie beide, dass sie die Natur lieben und es mögen, dauernd hier draussen zu sein. “Und die Bären?”, möchte ich wissen. Die gäbe es, sie hätten aber mehr Angst vor uns Menschen als wir vor ihnen. Sie hätten lange keinen gesehen. Sie bieten uns an, zu bleiben und an der Rangerstation zu übernachten. Wir sagen gerne zu, gefällt es uns doch hier. Dass wir etwas Russisch sprechen, macht diese Begegnung einfacher, harmonischer, intensiver.

Am nächsten frühen Morgen weckt uns Michail der Erste, dessen schelmisches Gemüt mir gefällt. Ich krieche aus dem Zelt. Mit stoischer sibirischer Ranger-Ruhe weist Michail ein Stück in die Richtung aus der wir gestern kamen und meint, dass wir doch einen Bären sehen wollen. Ich schaue ihn fragend und verdutzt an. Darauf erklärt er, dass Fischer einen kleinen toten Braunbären am Ufer gefunden haben. Er sei wohl im Revierkampf mit einem älteren Männchen gestorben. Als das kleine Tier vor mir liegt, sehe ich die Bisspuren in der Nähe des Kopfes. Ich werde ein bisschen traurig, wohlwissend, dass das in noch echter Natur und Wildnis passiert ist und eben dazugehört.

Hilfsbereite Ranger bei einer Wanderung am Baikalsee

Baikalsee Ranger Lunch

Baikalsee - der kleine tote Bär

Nach einem gemeinsamen Frühstück bauen wir unser Zelt ab, schultern unsere Rucksäcke und verabschieden uns herzlich von den beiden Michails. Nicht ohne zu versprechen, einmal zum Baikalsee zurückzukehren.

Der Abschied fällt schwer. Die Herzlichkeit der beiden Ranger in dieser wunderschönen und intensiven, aber auch menschenleeren, Wildnis lässt uns eine ganze Zeit nicht mehr los. Schweigend wandern wir nebeneinander her, jeder in seinen Gedanken verharrend und lassen Schritt für Schritt den schönen Ort zurück – die Erinnerung daran aber, die nehmen wir bis nach Hause mit.

Wandern ist eine perfekte Form des langsamen Reisens. Eine, die es ermöglicht, mit den Menschen vor Ort in Kontakt zu kommen, das Alltagsleben zu beobachten, in einen Ort einzutauchen und Momente zu erleben, die lange in Erinnerung bleiben werden. Sind es nicht diese Begegnungen mit den Einheimischen die eine Reise wertvoll und lebendig machen? Sind es nicht solche Begebenheiten, derentwegen wir überhaupt auf Reisen gehen? Macht es nicht Spass und Lust auf mehr, einen fremden Ort richtig kennenzulernen?

Wie schreibt Anna in ihrem Reiseerlebnis: Reisen verbindet!

Jedes Mal, wenn ich wieder an Michail und Michail zurückdenke, diese beiden freundlichen Ranger aus Russland, umspielt ein Lächeln meinen Mund und eine tiefe Freude umspielt mein Herz …

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