Erkenntnisse eines Wanderanfängers Veröffentlicht am 14.08.2016
„Ein Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist. Denn vorher gehörst du ihm.“ (Hans Kammerlander)
Der heutige Beitrag ist ein Gastartikel von Nadine Stoz, die über ihre Erfahrungen auf ihrer ersten Bergwanderung berichtet.
Nadine Stoz ist von Natur aus sehr neugierig und wissbegierig und fotografiert leidenschaftlich gern. Nach vielen Jahren im Alltag zwischen Arbeit und Familie, sucht sie nun nach neuen Herausforderungen.
Die Erkenntnisse eines Wanderanfängers
Endlich konnte ich ich meinen kleinen Traum erfüllen.
Ich fuhr mit dem Zug über Zürich in den Süden der Schweiz nach Locarno, um Jana zu treffen und zwei wunderbare Tage im Tessin zu erleben. Endlich einmal in den Bergen wandern.
Schon bei der Ankunft fühlte ich mich in eine andere Welt versetzt! Wenn man in Locarno aus dem Zug steigt, empfangen einen Palmen, steil aufragende Berge und dazwischen der blau schimmernde Lago Maggiore – und eine herrlich entspannte Atmosphäre. Niemand scheint hier Hektik zu haben oder in Stress zu verfallen.
Wir fuhren weiter ins Vallemaggia, das Haupttal des Locarnese. Jana hat das Hostel „Baracca Backpacker“ für uns ausgesucht. Eine sehr idyllisch gelegene Unterkunft am Ortsrand des pittoresken kleinen Dorfes Aurigeno, die für die kommenden Tage unser Basislager werden sollte.
Da es meine erste grosse Wanderung war, hatte ich im Vorfeld viele Fragen gestellt:
„Gibt es im Hostel einen Fön?“
„Welche Regenjacke ist die beste?“
Ich kann mir gut vorstellen, dass Jana bei der ein oder anderen Frage schmunzeln musste. Dennoch hat sie mir alle meine Fragen sehr geduldig beantwortet.
Und dann ging es auch schon los.
Der Wanderanfänger in mir hatte grossen Respekt vor der langen Anstrengung. Aus diesem Grund bin ich vorsichtshalber vorher zu Hause joggen gegangen. Meine Sorge, dass ich total abgekämpft am Ende der Wanderung ankomme, sollte jedoch umsonst sein. Immer wieder schaffte es Jana, mein Wandertempo, welches bergauf deutlich zu schnell war, zu verlangsamen und mich zu entschleunigen.
☛ Ich erfuhr, dass es darauf ankommt, sich seine Kräfte und Energie während einer mehrstündigen Wanderung richtig einzuteilen.
Später am Tag wusste ich genau, warum.
Ich genoss die regelmässigen Pausen, die wir wir nach jeder Wanderstunde einlegten. Und nutzte sie, um das grossartige Bergpanorama, wunderschöne Blumen und zerfallene Steinhäuser, die typischen Rusticis, zu fotografieren.
Ohne Hetze kamen wir am höchsten Punkt des Tages an. Jetzt hiess es erst einmal: Picknick! Energiereserven wieder auffüllen. Ausruhen. Ich war froh, den Anstieg so gut gemeistert zu haben.
Was würde mich wohl beim Abstieg erwarten?
Nach der Mittagspause ging es durch Wiesen, lauschigen Wald, mit unzähligen Bachüberquerungen, die ich am allerliebsten mochte, wieder talwärts. Unterwegs boten sich immer wieder tolle Blicke in die Tessiner Bergtäler und die umliegenden Berge.
Jetzt verstand ich, warum Jana am Beginn der Wanderung mein Tempo drosselte. Ich empfand den Abstieg als sehr ermüdend und anstrengend.
☛ Warum hat mir eigentlich niemand vorher gesagt, dass bergab schlimmer ist als bergauf?
Den Abend verbrachten wir in einem sehr urigen Grotto, einem typischen Tessiner Restaurant, wo ich mir die empfohlenen hausgemachten Gnocchi mit Steinpilzen gönnte und zur Feier der ersten gelungenen Wanderung auch ein Gläschen Rotwein.
Am nächsten Morgen hatte ich, wie von Jana vorhergesagt, ziemlich müde Beine. Da half es sehr, dass wir den Ausgangspunkt für die Tour erstmal mit dem Bus erreichten und nicht gleich loslaufen mussten.
Von der Bushaltestelle ging es zuerst ein Stückchen bergan durch den malerischen Ort Auressio, der mit seinem alten Ortskern und den urigen Steinhäusern ein typisches Bild der hiesigen Bergdörfer vermittelte. Überall warteten versteckte Fotomotive, die entdeckt werden wollten.
Zwei Wanderstunden und ein paar hundert Höhenmeter später, meine müden Beine spürend, erreichten wir den winzigen Ort Mulegn. Hoch oben in den Bergen, nur zu Fuss erreichbar.
Wir wurden von einer immer grösser werdenden Schafherde begrüsst. Die blökenden Tiere wussten selbst nicht so recht, ob sie neugierig sein sollten oder Angst haben mussten. Das Gebimmel ihrer Glocken gab diesem Moment eine ganz besondere Stimmung.
Dann wurde es spannend: Für eine Tour am kommenden Wochenende wollte Jana einen kleinen Umweg nehmen. Das bedeutete: erst ein steiler Abstieg, dann über einen Fluss, der durch die vielen Regentage vorher wahrscheinlich nicht so ohne weiteres zu überqueren war, und ein steiler Gegenanstieg auf der anderen Seite.
Ich gab mir einen Ruck. Meine Neugier siegte über die müden Beine und wir entschieden uns für die Verlängerung. Der Abstieg war sehr schön, aber äusserst anstrengend für mich als Neuling.
☛ Nichtsdestotrotz meisterte ich, der Wanderanfänger, ihn, wie Jana bestätigte, mit grosser Bravour!
Die beschriebene Flussüberquerung lockte mich! Ich freute mich auf das Abenteuer!
Endlich kamen wir unten an und Jana sollte recht behalten: Zwei Bergbäche, viel Wasser mit sich tragend, empfingen uns mit einem lauten Rauschen. Riesensteine lagen im Flussbett und ich freute mich wie ein kleines Kind, sie überqueren zu können, um ans andere Ufer zu gelangen!
Jetzt kam, nach einem sehr steilen aber auch wundervollen Aufstieg noch ein letztes Highlight: das auf einer Sonnenterrasse gelegene Dörfchen Cortone, wo wir auf einer Granitbank unter einem grossen blühenden Kirschbaum unsere letzte Rast machten. Energieriegel verschlangen. Uns ausruhten. Die Aussicht genossen.
Der letzte Abstieg machte mir wirklich zu schaffen. Meine müden Beine wurden nicht mehr munter. Aber die Aussicht, endlich anzukommen, zu duschen und dann wieder in einem schönen Restaurant lecker essen zu können, motivierte mich. All das half mir und irgendwie schaffte ich somit doch die letzten Kilometer.
Und war happy. Und stolz, diese beiden Touren als Wanderanfänger so gut geschafft zu haben.
Meine wichtigsten Tipps für Wanderanfänger
Nach diesen zwei wundervollen Wandertagen fuhr ich wieder zurück mit vielen schönen Bildern im Kopf und vielen Höhenmetern in den Waden. Ich hatte die Tour geschafft, genauso wie ich es mir vorgestellt hatte!
☛ Meine wichtigsten Erkenntnisse für Wanderanfänger nach zwei Bergwanderungen im Tessin:
- Vorbereitung ist alles: lass dich beim Packen des Wandergepäcks unterstützen, sonst landet tatsächlich der Fön im Rucksack, den man mit Sicherheit nicht braucht!
- Ein Wanderstock wirkt Wunder! Gerade beim steileren Aufstieg oder später beim Abstieg. Gottseidank hatte Jana einen für mich dabei.
- Suchte dir einen Wanderfreund, dessen Tempo zu deinem passt. Nichts ist schlimmer, als wenn du immer hinten läufst und nicht hinterher kommst, gerade beim Abstieg.
Ein grosses Dankeschön an Jana, die mir diese unvergessliche Zeit im Tessin beschert hat! Ich spürte, dass es wirklich ihr „place to be“ ist.
Ich komme bald wieder, versprochen!
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