Von Mutterkühen und Hütehunden Veröffentlicht am 07.06.2016
Es ist Juni. So langsam verschwindet auch der restliche Schnee aus den Bergen. Es sind die Tage der Alpaufzüge. Es ist wieder Zeit für Schafe, Ziegen oder Kühe, auf ihre Sommerweiden zu ziehen. Einmal oben auf der Alp bleiben die Tiere dort bis September, bis der Schnee wiederkommt.
Ich erinnere ich mich gerade an 4207.
4207?
4207!
4207, was ist das? Was bedeutet das?
4207 war eine Kuh. Eine Kuh, die in den Alpen gesömmert wurde. Sie lebt bestimmt nicht mehr. 4207 war nicht ihr richtiger Name, sondern die Nummer auf ihrer gelben Marke im Ohr. Während einer Wanderung im Jahr 1999 vorbei am Grossen Widderstein in Richtung Kleinwalsertal teilten wir mit 4207 einen Rastplatz. Sie hatte es sich dort gemütlich gemacht. Wir auch. Und liessen einander in Frieden. Aufgrund ihrer Gemütsruhe, sich durch nichts stören zu lassen und ohne Unterbrechung wiederzukäuen, wurde sie uns immer symphatischer. Also gaben wir ihr einen Namen und tauften sie 4207. Und vergassen sie nie mehr.
Für mich sind Begegnungen mit Tieren, die in den Bergen und Alpen gesömmert werden, auf jeder Wanderung wieder eine Freude. Egal ob es Kühe sind, Schafe oder Geissen. Am häufigsten trifft man sie als Herde an, Kühe gelegentlich auch mal alleine.
Das Blöken der Schafe, Meckern der Ziegen oder das Bimmeln der Kuhglocken kündigen immer die Begegnung mit den Tieren an. Nach meiner Erfahrung sind Schafe meist eher ängstlich, Ziegen auch mal etwas frech und Kühe gerne neugierig. Meist verlaufen diese Begegnungen, wie im Falle von 4207, absolut harmonisch und unproblematisch.
Aber, es gibt ein kleines Aber.
Dieses Aber hängt mit den neueren Ökorichtlinien und Bestimmungen zusammen, die tierfreundlichere Weide- und Haltungsformen fördern und fordern. Etwas, was auch wir Konsumenten durchaus zu schätzen wissen und wünschen.
Das bedeutet, dass die Tiere wieder vermehrt ihre ureigensten Triebe ausleben können.
Und das ist schön so.
Angst braucht es nicht, Respekt schon beim Umgang mit Mutterkühen und Hütehunden!
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Von Mutterkühen …
Ein besonderes Augenmerk muss der Wanderer dabei auf Mutterkühe mit ihren Kälbern haben. Jeder weiss, dass alle Tiere ihre Jungen mit grosser Hingabe gegen mögliche Gefahren schützen werden. Das ist in unserem Fall besonders bemerkenswert, da Mutterkühe nicht mehr zweimal täglich gemolken werden wie Milchkühe, sondern mit ihrem Kalb auf der Weide verbleiben. Und so wieder scheuer werden, mehr verwildern und ihre natürlichen Instinkte nutzen.
Kühe, mit ihrer Gemütsruhe, kann man leicht unterschätzen. Einmal in Rage, können sie aber sehr schnell und sehr wütend werden. Nicht nur einzelne Tiere, sondern in der Gruppe. Dann wird es für uns Menschen schnell auch mal gefährlich. Jedes Jahr wieder kann man von solchen Zusammenstössen lesen, die leider auch in seltenen Fällen für den Menschen tödlich enden.
Für den Wanderer heisst das: spezielle Vorsicht ist geboten, wenn man auf eine Herde mit Mutterkühen und Jungtieren trifft. Idealerweise befinden sich die Mutterkühe mit ihren Kälbern auf einer gesonderten, vollständig eingezäunten Alpweide.
Das ist aber nicht immer der Fall, daher gibt es wichtige Vorsichtsmassnahmen, die eine unschöne Begegnung zwischen Mensch und Tier verhindern können:
Kuh 1: Einen Abstand von mindestens 20 Metern zu den Tieren halten. Das Kalb, auch wenn es niedlich ist, auf keinen Fall streicheln.
Kuh 2: Sich ruhig bewegen, die Tiere nicht erschrecken. Auf Drohgebärden der Kühe achten und diese ernst nehmen. In einem solchen Fall langsam zurückgehen, den Tieren aber nicht den Rücken zuwenden.
Kuh 3: Liegen Tiere auf dem Wanderweg oder vesperren diesen, in ausreichend Abstand vorbeigehen. Nicht mitten hindurch gehen!
Kuh 4: Wenn möglich und machbar, die Weide mit den Jungtieren aussen umgehen, auch wenn der Wanderweg planmässig hindurch führen sollte.
Kuh 5: Wer mit Hunden unterwegs ist, diese auf der Weide anleinen und auf der abgewandten Seite führen. Hunde lösen bei Kühen eine erhöhte Achtsamkeit aus und aktivieren deren Abwehrverhalten. Sollten die Kühe unruhig werden oder mit mehreren Tieren angreifen, den Hund sofort loslassen. Aus zwei Gründen: a) der Hund ist selbst meist schnell und wendig genug, sich aus der Gefahrenzone zu begeben und b) um nicht selbst zwischen Kühe und Hund zu geraten und damit in Gefahr zu sein.
… und Hütehunden
Das steigende Umweltbewusstsein und effektivere Naturschutzmassnahmen sorgen dafür, dass auch wieder vermehrt europäische Grossraubtiere in Mitteleuropa leben. Gemeint sind Bär, Wolf und Luchs, zu deren Nahrung auch Schafe und Geissen gehören.
Das erfordert einen erweiterten Schutz für die Herden auf den Sommeralpen, um Schaden von den Nutztieren fernzuhalten.
Vollumfänglicher Schutz ist kaum möglich. Der Einsatz von Herdenschutzhunden hat sich dabei als sehr effektiv erwiesen, so dass dem Wanderer auch immer öfter diesen Hunde begegnen können. Aus traditionellen Wolfgebieten in Italien und Frankreich stammen zwei Rassen, die nun auch hauptsächlich in der Schweiz zum Schutz der Herden eingesetzt werden. Diese Arten sind Maremmano Abruzzese sowie Montagne des Pyrénées, beide Arten sind grosse, weisse Hunde.
Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass mit diesen Hunden nicht zu scherzen ist. Als ich das erste Mal an einer Geissenherde mit Hütehund vorbeikam, wollte ich, wie sonst auch, mitten hindurch gehen. Der imposante Hütehund war dagegen und ich lernte: er nimmt seine Arbeit verdammt ernst! Passiert ist mir nichts, weil ich den Hund glücklicherweise nicht provozierte, dennoch hat erst ein energischer Ruf des Älplers die Situation aufgelöst.
Was muss man als Wanderer beachten, wenn man einem Hütehund mit Herde begegnet?
Hund 1: Ruhig bleiben und das eigene Tempo verlangsamen. Das gibt dem Hund Gelegenheit, die Situation einzuordnen und zu verstehen, ob Gefahr droht.
Hund 2: Nicht mitten durch die Herde hindurchgehen, sondern aussen umgehen. Auf jeden Fall genügend Abstand zu Herde und Hütehund halten.
Hund 3: Hat der Wanderer einen eigenen Hund dabei, gilt die gleiche Empfehlung wie bei Kuh 5. Den Hund angeleint lassen, sobald es doch zu einer Konfrontation zwischen eigenem Hund und Herdenschutzhund kommen, den eigenen Hund sofort loslassen. Die Hunde machen das unter sich aus und der Wanderer begibt sich so ausser Gefahr.
Hund 4: Beruhigt sich der Hütehund trotz allem nicht, muss man entweder den Rückzug antreten oder die Herde noch weitläufiger umlaufen. Den Hund nicht provozieren oder verjagen wollen!
Dem aufmerksamen Wanderer passiert nichts!
Egal ob Mutterkühe oder Hütehunde, wenn man die genannten Leitlinien befolgt, vorsichtig agiert und seinem gesunden Menschenverstand folgt, steht einem wunderbaren Wandererlebnis nichts im Wege!
Die Tiere werden nur aggressiv oder greifen an, wenn sie sich, ihre Jungtiere oder ihre Herden in Gefahr wähnen. Beachtet man das auf seiner Wanderung, ergibt sich auch ein solch schönes Intermezzo wie damals mit 4207.
Gemeinsam Pause machen, die Ruhe geniessen und danach zieht wieder jeder seines Weges!
Hast du schon einmal unsanfte Begegnungen mit Mutterkühen oder Hütehunden gehabt? Wenn ja, dann erzähle uns von deinen Erfahrungen in den Kommentaren!
“Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.” (Albert Einstein)
Der Beitrag Von Mutterkühen und Hütehunden erschien zuerst auf zuFussunterwegs.



